Türkei: Politischer Druck durch Shopping-Streik
Die Unterstützer des inhaftierten Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem Imamoğlu hatten im Rahmen ihrer Protestwelle die Bevölkerung aufgerufen, am Mittwoch nicht einkaufen zu gehen. Die Opposition wollte so den wirtschaftlichen Druck auf Präsident Erdoğan erhöhen. Über die Auswirkungen des Konsumboykotts gehen die Angaben auseinander, aber die Behörden ermitteln nun gegen Bürger, die diesen Aufruf geteilt haben.
Panik angesichts der Macht der Konsumenten
Zum ersten Mal bekam die Staatsmacht die Stärke des Widerstands breiter Massen zu spüren, heißt es bei Birgün:
„Die Aufrufe in den sozialen Medien fanden großen Anklang, und viele Prominente schlossen sich dem Boykottaufruf an. Die Bürger nutzten ihre legitime Macht, die sich aus ihrer Rolle als Konsumenten ergibt, um Unternehmen zu ermahnen, ihren Ethikkodex zu ändern. Genau an diesem Punkt wurde der Widerstand des Volkes zu einer 'greifbaren Gefahr'. Die Panik der Regierung zeigte sich darin, dass Minister sich mitten in der Nacht zu Live-Sendungen dazuschalten ließen, im Morgengrauen in den sozialen Medien posteten und die Staatsanwaltschaft mit den Ermittlungen begann. Unisono wurde behauptet, es handele sich hierbei um 'Sabotage an der Volkswirtschaft'.“
Wo ist hier die Straftat?
Der Boykottaufruf ist in Istanbul Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen. Für Cumhuriyet ist das Ressourcenverschwendung:
„Diese Initiative war vielleicht die unnötigste Folge des Boykotts. Es ist nicht sinnvoll, dass eine hohe Behörde wie die Generalstaatsanwaltschaft von Istanbul ihre Energie, Zeit und sogar finanziellen Mittel für Fragen wie 'Wer war einkaufen, wer hat zum Boykott aufgerufen' aufwendet. Außerdem kann jeder einkaufen, wie er will, oder auch nicht. ... Niemand kann sich da einmischen. Vor allem nicht unter den Bedingungen des freien Marktes! In den vergangenen Jahren haben auch Präsident Recep Tayyip Erdoğan und die Regierung ähnliche Boykottaufrufe gemacht, und niemand hat daraufhin nach Verbrechen und Kriminellen gesucht.“