USA: Verlässt die Intelligenz das sinkende Schiff?
Historiker Timothy Snyder, Ostereuropa-Expertin Marci Shore und Faschismusforscher Jason Stanley haben angekündigt, die USA wegen des politischen und gesellschaftlichen Umfelds zu verlassen. Statt an der Yale University wollen sie künftig an der Universität von Toronto forschen und lehren. Auch wissenschaftliche Einrichtungen in Europa erhalten zunehmend Anfragen aus den USA.
Der Wissenschaft ein Asyl geben
Europa sollte seine Türen öffnen, rät The New European:
„US-Wissenschaftler blicken Hilfe suchend ins Ausland. Ihre größte Sorge gilt dem Schutz ihrer Daten, die mehr denn je staatlichen Eingriffen und Löschungen ausgesetzt sind. Derzeit werden Millionen von Gigabytes an Daten aus den USA auf Server im Ausland transferiert. Einige versuchen, außerhalb der USA, vor allem in Europa, Arbeit zu finden. ... Für die US-Wissenschaft ist das eine Katastrophe. ... Aber für einige europäische Universitäten könnte die Krise eine Chance sein. In den 1930er Jahren wurden Hunderte jüdischer Wissenschaftler, darunter Einstein, entlassen und verließen Deutschland in Richtung Großbritannien. Viele gingen dann nach Amerika. ... Jetzt kommen die Amerikaner – wenn wir sie lassen.“
Vom anziehenden zum abstoßenden Magneten
Die Kleine Zeitung reflektiert:
„Die Vereinigten Staaten zogen das globale Talent an wie ein riesiger Magnet, Start-up-Gründer, Spitzenforscher und steirische Bodybuilder gingen in die USA, weil dort Dinge möglich waren, die woanders unmöglich erschienen. 'A shining city upon a hill', nannte das Ronald Reagan in seiner Abschiedsrede. Wie sehr die leuchtende Stadt auf dem Hügel zu bröckeln beginnt, zeigt sich bereits jetzt. Mit dem Historiker Timothy Snyder verlassen zwei weitere international bekannte Wissenschaftler wegen des politischen Klimas nun die Yale University in Richtung Kanada. Schnell reparieren wird sich das nicht lassen. Kurz und klein geschlagen wurden die Soft Power und das Renommee der USA zwar in nur zwei Monaten, sie aufzubauen hat aber Jahrzehnte gebraucht.“
Wahrer Widerstand flieht nicht
Snyder widerspricht seinen eigenen Prinzipien, hält die Tageszeitung Welt vor:
„In seinem Buch 'Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand' beschreibt Snyder eindringlich, wie man autoritären Tendenzen widersteht: Standhaftigkeit zeigen, Institutionen schützen, nicht weichen. ... Verglichen mit russischen Intellektuellen, die unter echten Tyranneien lebten, wirkt Snyders Rückzug wie ein Schauspiel mit Sicherheitsnetz. Er und seine Kollegen genießen den Luxus, gehen zu können, während sie anderen das Bleiben predigen. ... Doch selbst die oft als ineffektiv geltende russische Opposition beweist: Wahrer Widerstand flieht nicht – er bleibt, koste es, was es wolle.“