Was bedeutet das Treffen von Trump und Selenskyj?

Am Rande der Trauerfeier für Papst Franziskus haben sich US-Präsident Donald Trump und sein ukrainischer Amtskollege Wolodymyr Selenskyj am Samstag im Petersdom zu einem Gespräch über den Ukraine-Krieg zusammengesetzt. Das Weiße Haus sprach danach von einem "sehr produktiven" Treffen, Selenskyj erklärte, es könne historisch bedeutend werden. Kommentatoren debattieren, ob die Zusammenkunft ein Wendepunkt sein könnte.

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Večer (SI) /

Aufschlussreiche Bilder

Die Fotos von Trump und Selenskyj beim Vier-Augen-Gespräch sowie mit Macron und Starmer sagen für Večer viel aus:

„Das erste, weil es auf eine wärmere Beziehung zwischen dem amerikanischen und dem ukrainischen Staatschef hinweist, das zweite, weil es Hoffnung gibt, dass auch Europa langsam eine Vermittlerrolle zur Beendigung der Ukraine-Krise übernimmt. Europa als Kontinent, Frankreich und das Vereinigte Königreich als ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und einzige westeuropäische Atommächte – aber nicht die EU. Der US-Präsident setzt in der Ukraine-Frage auf London und Paris, da er Brüssel wegen Ursula von der Leyens schwacher politischer Position misstraut. Zudem hat sich die Vorstellung zerschlagen, dass Giorgia Meloni eine zentrale Rolle in den Beziehungen zwischen EU und USA spielen könnte – sie kann in Europa kaum auf breite Unterstützung zählen.“

Népszava (HU) /

Franziskus' Abschiedsgeschenk bitte annehmen

Auch Népszava ist ein in Rom entstandenes Bild aufgefallen, nämlich

„das aussagekräftige Foto, auf dem der britische Premier Starmer und der französische Präsident Macron Selenskyj unter ihre Fittiche nehmen, Macrons Hand auf der Schulter des ukrainischen Präsidenten, während Trump mit einem resignierten Blick auf sie blickt, als würde er sagen: 'Wenn ihr es so sehr wollt, dann lasst es so sein.' ... Die US-Regierung würde auch die Krim und die besetzten Teile der vier ukrainischen Oblaste den Russen überlassen, um endlich Ordnung zu schaffen. Die Ukraine und Europa hingegen wollen beides nicht aufgeben und stellen weitere Wirtschaftssanktionen in Aussicht. ... Hoffen wir, dass das Treffen im Vatikan im Nachhinein als Abschiedsgeschenk von Franziskus betrachtet werden kann.“

Le Monde (FR) /

Kaum vereinbare Vorstellungen

Für Le Monde bleiben die Differenzen in der Sache zu groß:

„Der US-Vorschlag ist weitgehend russlandfreundlich: De jure erkennt er die Annexion der Krim an, de facto auch die Kontrolle Russlands über die eroberten Gebiete im Süden und Osten; einen Nato-Beitritt der Ukraine schließt er aus. … Der europäisch-ukrainische Vorschlag hingegen sieht die Behandlung von Gebietsfragen erst nach einem vollständigen Waffenstillstand vor, von einer Anerkennung russischer Kontrolle ist nicht die Rede. … Trump erklärte dem Time Magazine, Russland werde die Krim behalten. 'Selenskyj versteht das', fügte er hinzu. Das ist sehr fraglich. Für die Ukraine und Europa käme die Anerkennung der Krim-Annexion einer Infragestellung der Grundlagen europäischer Sicherheit gleich.“

Echo24 (CZ) /

Symbolträchtiges Bild des Miteinanders

Echo24 schöpft ein wenig Hoffnung:

„Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj sitzen gemeinsam unter der Kuppel des Petersdoms auf gewöhnlichen Stühlen, sitzen allein, unbehelligt und unterhalten sich. In der Nähe des Sarges des verstorbenen und zu beerdigenden Papstes Franziskus – der offiziell in Europa arbeitete, aber aus Amerika, wenn auch aus Südamerika, stammte. So viel Symbolik in einem Moment. Ein Bild der Hoffnung, des Glaubens an Wunder und der Fähigkeit der Menschen, miteinander zu reden. Wochen nach dem letzten Treffen der beiden Politiker im Weißen Haus, bei dem sie vor aller Welt stritten, ist dies ein Kontrapunkt: Nicht Arroganz, sondern Bescheidenheit und Schweigen prägen das neue Treffen der beiden Männer.“

Süddeutsche Zeitung (DE) /

Nichts überinterpretieren

Die Süddeutsche Zeitung warnt vor zu schnellen Schlüssen:

„Die Wirkung des Bildes ist so groß, weil in ihm eine Hoffnung mitschwingt: Im Geiste Franziskus’ könnte Friede entstehen in der Ukraine. Aber zeigt das Bild das wirklich? Was in dem Moment gesprochen wurde, wissen nur die beiden. Was daraus wird, muss sich zeigen. Für die Wirkung der Aufnahme ist beides aber nachrangig. Sehen kann auch heißen: überinterpretieren.“

La Stampa (IT) /

Ein Wunder wird nicht eintreten

La Stampa glaubt nicht, dass ein gerechter Frieden nun näher gerückt ist:

„Es ist schwer vorstellbar, dass es Selenskyj gelungen ist, die Annäherung zwischen Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu untergraben. ... Es stimmt zwar, dass Trump nach dem Treffen im Petersdom härtere Worte an Putin adressiert hat als sonst. Er kritisierte die russischen Raketen auf ukrainische Zivilisten, sagte, er sei vom Kremlchef 'verhöhnt' worden und spielte auf neue Sanktionen gegen Moskau an. Aber wir wissen, dass es für Putin nur allzu leicht ist, Trump zu schmeicheln und die Beziehungen zu Washington wieder auf Kurs zu bringen, während der Krieg weitergeht. Kurzum, es fällt schwer, auf das Wunder zu hoffen, dass Trump ein Verfechter eines gerechten Friedens in der Ukraine wird.“

Večernji list (HR) /

Nun müssen konkrete Taten folgen

Laut Večernji list sind die Aussagen des US-Präsidenten mit Vorsicht zu betrachten:

„Hatte Donald Trump im Vatikan eine unerwartete Erleuchtung? Nach zahllosen Äußerungen, die das Kreml-Narrativ zu den Gründen und Folgen des Ukraine-Krieges wiederholt hatten, sagte Trump nach dem samstäglichen Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Petersdom, dass ihn der russische Präsident Putin 'vielleicht nur hinhält' und den Krieg womöglich 'nicht beenden will', was auf Veränderungen in der Rhetorik hinweist. ... Dennoch sollte im Falle Trumps, insbesondere wegen seiner bisherigen Sympathien für Russland, jede wirkliche Veränderung seines Standpunkts durch konkrete Taten untermauert werden, irgendwelche Aussagen reichen nicht.“

Espreso (UA) /

Kreml könnte sich verrechnet haben

Politologe Wadym Denyssenko rätselt in einem von Espreso übernommenen Facebook-Post darüber, was Trump und Selenskyj besprochen haben könnten:

„Nach den Gesprächen befürchtet man im Kreml allem Anschein nach, dass der Ball nun bei Russland liegt und dass man den [US-]Vorschlägen zum Atomkraftwerk Saporischschja, zum Rückzug aus der Region Charkiw usw. zustimmen muss. ... Soweit ich es verstehe, war Russlands Plan einfach: Die Ukraine würde die Vorschläge bezüglich der Krim ablehnen und Russland müsste dann nicht öffentlich erklären, dass es mit allen anderen Punkten des Plans einverstanden ist. Es sieht danach aus, dass eine Formulierung in puncto Krim bei den Gesprächen mit Trump gefunden wurde, die sowohl den USA als auch uns passen könnte.“